Schon Gaius Plinius Secundus schrieb eine Naturalis Historia. Künstlerisch taucht der Begriff der Naturgeschichte auch in avantgardistischen Projekten der ästhetischen Moderne auf. So haben Maurice Ravels fünf Lieder der Histoires Naturelles (1906) ebenso wie Max Ernsts Frottagezyklus Histoire Naturelle (1926) einen Skandal ausgelöst.

Dass sich Naturgeschichte als produktives Denkmuster mit biowissenschaftlichem, historiografischem und ästhetischem Potential erweist, zeigen Schülerarbeiten aus dem Kunstunterricht der jetzigen Q2. Hier sind exemplarisch drei Arbeiten von Lasse Drengk, Marten Heydweiller und Juliana Radtke abgebildet. Die z.T. großformatigen Arbeiten wurden in einer Sammelmappe präsentiert.

Ausgehend von einem Besuch des Max-Ernst-Museums in Brühl haben die Schüler*innen experimentelle Verfahren der Bildproduktion kennengelernt, die Max Ernst genutzt hat, um seine Angst vor dem weißen Blatt Papier zu überwinden. Innerhalb von nur drei Wochen, was im Grundkurs neun Kunststunden à 45 Minuten entspricht, sind zahlreiche Bilder entstanden, die die aleatorischen Verfahren – allesamt von Max Ernst entwickelt – Frottage, Grattage, Décalcomanie, Dripping, Empreinte und Collage zeigen. Aus der Bildermasse haben die Schüler*innen (mindestens) sieben ausgewählt, um ihre Naturgeschichte zu erzählen.

Mich begeistert die Experimentierfreude, die in den Bildfindungsprozessen sichtbar wird!

Genoveva Schmid

 

Lasse Drengk                                                                                                                                                                                                Meine Naturgeschichte


1. „Das Ur“ Dripping
2. „Der unberechenbare Beginn“ Druck
3. „formbar“ Fadendruck
4. „Entstehung (1): Flora“ Décalcomanie
5. „Entstehung (2): Fauna“ Collage
6. „Erreichen des Göttlichen?“ Frottage
7. „Karneval“ Décalcomanie+Dripping
8. „This is the end, beautiful friend” Grattage
9. “Chaos” Mischtechnik

Anmerkung: Alle Arbeiten außer „Der unberechenbare Beginn“ wurden auf Grundlage der von Max Ernst entwickelten Techniken geschaffen.

 

(1) Am Anfang war der Raum. Der Raum und Materie. Aus der Materie bildete die Physik runde Körper: Planeten, Sonnen, Asteroiden und Kometen. Selbige flogen mit langem Schweif durch das erwachende Universum. Währenddessen flossen die Materieteilchen zusammen und bildeten die festen Planeten. Auf den Planeten herrschten die Urgewalten Wasser und Feuer. Auch unser blauer Planet bildete sich in diesem Zeitalter.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 1

 

(2) Innerhalb des Planeten befanden sich die Urteilchen, die sich als Wellen, Zahlen oder Kreise darstellen lassen. Anfangs bewegten sie sich noch ungerichtet, im Laufe der Zeit bildeten sich allerdings Regelmäßigkeiten zwischen den Partikeln. Sie ordneten sich zufällig an und bildeten Verkettungen sowie kristalline Zusammenschlüsse. In dieser Unordnung entstand die erste DNA.

Naturgeschichte im KuU Drengk 2

(3) Nach und nach fügten sich die Anordnungen von Teilchen zu verschwommenen Formen zusammen. Diese Formen waren von außerordentlicher Wichtigkeit, denn sie sollten später die biologischen Grundbausteine bilden.

Naturgeschichte im KuU Drengk 3

 

(4) Als die Formen ausgereift genug waren, differenzierte sich zuerst die Flora heraus. Sie brachte Blätter und ausgereiftes Wurzelwerk hervor und schuf damit die Grundlage für komplexeres Leben.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 4

 

(5) Später als die Flora entwickelte sich die Fauna. Im Laufe der Jahrmillionen entwickelten sich aus den einfachen Einzellern größere Lebewesen, die Intelligenz ausbildeten.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 5

 

(6) Nach langer Entwicklung erblickte der Mensch das Licht der Welt. Er unterwarf sich die Natur und machte keinen Halt. Selbst die höchsten Berge bezwang er, um seine Gier und seinen Wissensdurst zu befriedigen. Dort oben, auf dem zwischenzeitlichen Hochpunkt der Evolution, kam jedoch die alles entscheidende Frage auf: Kann der Mensch ein perfektes Lebewesen sein oder ist er nur ein Fehlschlag auf dem Weg zum idealen Erdbewohner?

 Naturgeschichte im KuU Drengk 6

 

(7) In dieser Version der Naturgeschichte entscheidet sich die Menschheit leider für die zweite Möglichkeit. Anstatt den Wahnsinn der Zerstörung der Natur, deren Vergiftung und der Ausrottung anderer Arten zu stoppen, macht sie einfach weiter wie bisher. Viele der Menschen feiern sich für die Überlegenheit ihrer Art. Es geht dabei so verrückt zu wie im Karneval, Ressourcen werden ausgebeutet und verschwendet für nichts. Aus der verletzten Erde spritzt Blut.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 7

 

(8) Schließlich führte die Gier der Menschheit zur vermeidbaren Katastrophe. Aus den Tiefen des von uns erforschten Weltalls dringt Zerstörung hervor und bricht den Frieden. Es ist ein Kampf, den wir nicht gewinnen können.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 8

 

(9) Nach der systematischen Vernichtung bleiben nur Stücke der alten Kultur übrig. Der Rest löst sich in seine Bestandteile, die Urteilchen, auf. Die so wiederauferstandenen Farbschlieren machen das Chaos perfekt und verlieren sich im dunklen Raum um die blaue Erde herum.

 

Naturgeschichte im KuU Drengk 9

 

 

 

Meine Naturgeschichte                                                                                                                                                                         Marten Heydweiller

 


1. „Urrumms“ – Empreinte, Décalcomanie, Mischtechnik
2. „Sprache des Lebens“ – Grattage
3. „Der Tag, an dem Gott weinte“ – Dripping, Décalcomanie
4. „Kampf des Lebens“ – Frottage
5. „Kunst der Natur“ – Collage, Décalcomanie
6. „Plage der Menschheit“ – Décalcomanie, Kordeldruck
7. „Sodom und Gomorrha“ – Empreinte
8. „Abstinenz der Außenwelt“ – Frottage, Décalcomanie, Kordeldruck

 

 

Mit dem Urknall (1) fing es an.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 1

 

Aus diesem Spektakel entstand etwas, das die Züge des Lebens formte (2)

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 2

 

Der Regen Gottes (3) lies danach die schon gesäten Formen des Lebens sprießen.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 3

 

Aus Heiß und Kalt, Leben und Tod entstand die Erde, wie sie der Mensch heute bewohnt, der Kampf des Lebens (4) begann und entwickelte die Erde mit all ihren Facetten.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 4

 

Das Ergebnis war gut anzusehen. Die Kunst die daraus entstand (5), war makellos.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 5

 

Doch der Mensch beschmutzte dieses Abbild (6).

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 6

 

Gott konnte dies nicht mit ansehen und schickte Feuer und Sturm (7), um die Erde zu zerstören, wie einst zuvor.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 7

 

Was übrig blieb, war Leere und Stille (8). Doch das Ende ist auch ein Anfang und ein Ort für einen erneuten Ursprung.

 

Naturgeschichte im KuU Heydweiller 8

 

 

 

Meine Naturgeschichte                                                                                                                                                                      Juliana Radtke

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 1

 

1. „Sternenkarussel“ (Décalcomanie, Dripping, Collage) - Das Universum als der Anfang und die Grundlage aller Entwicklungen.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 2

 

2. „galaktischer Funken“ (Dripping) - Durch ein zufälliges Aufeinandertreffen von Kometen entsteht die Erde.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 3

 

3. „Desoxyribonukleinsäure (DNA)“ (Décalcomanie) - Es entsteht erstes Leben, symbolisiert durch einen DNA-Strang.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 4

 

4. „mehr Einzeller“ (Frottage) - Die ersten einzelligen Lebewesen bilden sich, wachsen und entwickeln sich weiter.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 5

 

5. „ein Mehrzeller“ (Kordeldruck) - Das Leben wird komplexer, das Wachstum ist dargestellt durch eine wachsende Pflanze.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 6

 

6. „rising phoenix“ (Grattage) - Es entwickeln sich Tiere und mit ihnen die Freiheit, Entscheidungen zu treffen.

 

Naturgeschichte im KuU Radtke 7

 

7. „fünf vor zwölf“ (Collage) - Zum Schluss taucht der Mensch auf, mit ihm deutet sich ein Zerstörungsprozess an.