Corpus Delicti 2028 starre GruppeMit der Bühnen-Adaption von Juli Zehs dystopischen Roman „Corpus Delicti“ hatte sich der Q1-Literatur- und Projektkurs (Spielleitung: Dagmar Mautes, Projektleitung: Timo Wilhelm) ein sprachmächtiges und mit seinem spezifischen Setting einer totalitär regierten Gesundheits- und Selbstoptimierungsgesellschaft (genannt die METHODE) wirklich sehr anspruchsvolles Projekt gewählt, denn: wo nichts passiert, was nicht passieren soll, ist es erdrückend, starr und im Endeffekt zum ins Holz-Beißen spießig. Das EMA-Ensemble inszenierte diese Atmosphäre sehr gelungen mit einem aufs Nötigste reduziertem Bühnenbild, in dem die Menschen im Mittelpunkt standen: ganz in weiß, unaufdringlich elegant, nett, jung, fit, gutaussehend und (mit vereinzelten Ausnahmen) in ihren Rollen bleibend. Die Bilder im Theater im Ballsaal erzeugten so in etwa den Charme eines „Raffaello“-Werbespots – ganz ohne Schokolade also. Denn die ist ungesund, und Gesundheit ist das höchste Gut, das – wenn man nur nach der richtigen Methode lebt – von jedem erreicht werden kann, und dem sich entsprechend alles menschliche Verhalten in der METHODE unterzuordnen hat.

Corpus Delicti 2028 Mia raucht nichtMan kann so leben. Aber man darf nicht anders. Genau das aber muss Mia Holl (gespielt von Emma Seggewiß, Marlene Ost und Lily Pepper), die junge, erfolgreiche Modell-Bürgerin und Protagonistin des Stücks, tun, die den Suizid ihres ihrer Meinung nach zu Unrecht als Vergewaltiger verurteilten Bruders Moritz (Nicolas Albring) nicht verwinden kann und sich in ihrer Trauer und ihrem Zweifel an der vermeintlichen Logik der METHODE zerfrisst, vernachlässigt und damit sowohl auf den Radarschirmen der Wächter als auch der Gegner des Systems erscheint: von den einen als Rebellin vor Gericht und in Haft gebracht, von den anderen als Heldin gefordert.

Das daraus folgende Ringen um Stabilität und Individualität erfolgt mit Macht, aber eben auch ausschließlich verbal. Im Grunde ist es einCorpus Delicti 2018 Mia vor Gericht Gerichtsstück. Hitzige Dialoge, wortmächtige Rede und Gegenrede und programmatische Monologe verlangten Schauspielern hier wirklich viel Textsicherheit und Sprechkunst ab, um das Publikum im Griff zu behalten. Die kleine Bühne mit einem fast ständig präsenten Cast, die rasch ineinander übergehenden Szenenfolgen und der ein oder andere Multi-Media-Kniff sorgten dabei für eine ausgewogene Spielatmosphäre, deren Dichte und Dynamik man sich weder auf der Bühne noch auf den Rängen entziehen konnte. Und so musste man die Manifeste der strengen wie eloquenten und rechthaberischen Gesundheits-Methodisten (dabei sicherlich herausragend: Chefideologe Heinrich Kramer, überzeugend gespielt von der Trias aus Sophia Fermor/Wladislaw Jerokin/Lena Michels) über sich ergehen lassen, die auch deswegen so nervten, weil man ihnen zuweilen unwillkürlich zustimmen musste. Was, um nur ein Beispiel zu bemühen, ist denn eigentlich verwerflich am angestrebten Unterfangen, den Menschen zum Glück (= Gesundheit) zu erziehen und ihn notfalls dazu zu zwingen, weil kollabierende Gesundheitssysteme ihn nicht mehr lang werden helfen können? Und schließlich gilt: Man will ja nur ein nettes, ruhiges Leben. Wenn Gesundheitskonformität der Preis dafür ist, dann zahlt man ihn doch mit Corpus Delicti 2028 nette Nachbarneinem Lächeln – und reiht sich dann eben in die Reihe von Mia Holls Nachbarn ein, deren schafherdenhafte Einfalt (wirklich komisch dabei Astrid Ermert als Driss) einem immer wieder ein spöttisches Grinsen aufs Gesichts zauberte, in einem ansonsten trüben weil todernsten und für unsere Zeit reflektiert wahrnehmende Menschen wirklich irritierenden Stück. In dem entzieht Mia Holl der von ihr lange gestützten METHODE heldenhaft das Vertrauen. Einen Heldentod bekommt sie dafür aber nicht. Stattdessen geht es in ein Resozialisierungsprogramm – Gehirnwäsche also, damit die Rebellen verlieren, was sie einst hoffnungsvoll machte: Rage against the machine. Damit hinterlässt „Corpus Delicti“ am Ende ein Gefühl von Verstörung wie nach der Lektüre von George Orwells ungleich düsterer Dystopie „1984“, an deren Ende nichts ist als die ehrlich empfundene Liebe zu „Big Brother“. Mia Holl wird also wiederkommen wie ein „Raphaello-Spot“: blütenweiß und schön – und ganz ohne Schokolade.

Corpus Delicti 2018 Mia brainwashedMan ist beim Abpfiff versucht, aus Protest gegen das Verweigern jeglicher Hoffnung und Widerstandsglorie erst einmal nicht zu klatschen. Mein letzter Englisch-LK reagierte nach der Lektüre von Dave Eggers hochdekoriertem und ebenso verstörend gegenwartsnahen dystopischen Roman „The Circle“ mit einem wahren „shitstorm“ an Kritik: Keine Action, keine Revolution, soviel Systemblindheit und Angepasstheit auf Seiten der Protagonistin (deren Name, Mae Holland, doch irgendwie auffallend nachbarschaftlich zu Mia Holl wirkt), dass man das Buch habe in die Tonne treten wollen. Als Leser habe man das Recht auf mehr: Unterhaltung nämlich! Da hüpfte mein Lehrerherz: Ihr wollt es abwechslungsreich und nicht stromlinienförmig? Dann passt auf, wenn ihr euch von Google anheuern lasst! Am Ende von „Corpus Delicti“ gilt gleiches: Wenn man sich das für den letzten Funken individueller Freiheit symbolisch stehende „Recht auf Krankheit“ bewahren will, dann muss man früh aufstehen. Früher noch als Mia Holl. Um genau zu sein: JETZT.

Und applaudieren musste man für diese überzeugend inszenierte und gespielte Botschaft auch. Und zwar kräftig. Das war gutes Theater. Im nächsten Schuljahr gerne mehr davon.

Jochen Stiewe

 

Dank und Applaus gebührten:

Auf der Bühne (Literaturkurs)

Mia Holl I-III: Emma Seggewiß, Marlene Ost, Lily Pepper
Moritz Holl: Nicolas Albring
Ideale Geliebte (die einzige in Rot): Sophie Bobinski/Ronja Lippel
Heinrich Kramer: Sophia Fermor/Lena Michels/Wladislaw Jerokin
Die Nachbarn Lebertsche, Lizzie und Driss: Lucas Weitz, Nele Proff, Astrid Ermert
Richterin Sophie: Jenny Peter/Sofie Klemmer
Staatsanwalt Bell: Judith Weiss/Sophie Paine
Anwältin Rosentreter: Leonie Krüsken
Journalist Würmer: Benedikt Lewalter
Richter Hutschneider: Luise Ermert
In weiteren Rollen: Carl Spengler, Paula Wedemeyer

Spielleitung: Dagmar Mautes

Hinter den Kulissen (Projektkurs)

Moritz Blesgen, Kamila Dalbeck, Nipuni De Silva, Hilal Erik, Malin Goddon, Florian Janke, Jonah Lottner, Jaques Noell, Luka Schinkel, Jannik Schlüter, Luisa Thiel, Paula Veismann, Luke von Deylen

Projektleitung: Timo Wilhelm

Ferner…
Herr Baur und Herr Schiffelgen (EMA-Hausmeister), Herrn Hahnemann (GRCS Druck), Herrn Kentenich (EMA-Kunstlehrer), Herrn Paine (Fotos für Plakat und Flyer), Frau Pauka (Theater im Ballsaal)

 

 Corpus Delicti 2018 Applausbild cast

 

Tolles EMA-Theater-Ensemble, verabschiedet mit tollem Applaus

 

Corpus Delicti 2018 Applausbild MAU WIL

 

Back in black - Der Projektsupport (in schwarz), die Spielleiterin, Dagmar Mautes und der Projektleiter, Timo Wilhelm (beide vorn)

 

Corpus Delicti 2018 Kramer und Holl Titel

 

(Fotos im online-Artikel: Aneta Bobinska - deren weitere schöne Bilder von der Aufführung hier geteilt werden dürfen.)

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