Schlagwörter Musik-Kunst

Verwandlung 2016 GretsingtAuf der großen Theaterbühne steht eine Phalanx an tapezierten Wandelementen. Die Welt ist geblümt, aber eng. Dann treten nacheinander 25 junge Leute auf und verkünden ihr ihre Träume: „Der entscheidende Treffer im Finale!“ „Die Erste auf dem Mond!“ „Ein Auto knacken und ab über die Grenze!“ „Die Umwelt retten!“ – es sind unsere Kinder, Enkel, Neffen und Nichten, Schülerinnen und Schüler, die hier sprechen, begeistert, entschlossen, rebellisch, ambitioniert. Jugendlich. Alle nehmen ein Wandelement zur Bühnenseite mit und Aufstellung. Die Welt steht offen. Und sie hält für jeden Jugendtraum ein Bollwerk an erwachsener Erwartung, Kritik und Maßregelung bereit – davon wissen die Jugendlichen auf der Bühne aus eigener, in den Kafka-Text eingegangener Erfahrung ausführlich zu zitieren, verzweifelt, verängstigt, erzürnt, verunsichert.


Dies ist die Welt des jungen Gregor Samsa, des Protagonisten in Franz Kafkas berühmter Erzählung „Die Verwandlung“ (1912), der, beruflich erfolgreich, seine Familie lange hat über Wasser halten können und nun eines Morgens in seinem Zimmer erwacht, um feststellen zu müssen, dass sich sein Körper in den eines Käfers verformt und ihn so langsam aber sicher aus seiner Familie befördert, die zunächst versucht, ihn ungeachtet seiner Andersartigkeit zu dulden, der Belastung des krassen Transformationsprozesses jedoch nicht lange standhalten kann, weil sie den Sohn und Bruder nicht mehr zu erkennen vermag.


In diese Welt spielt sich nun das junge EMA-Ensemble von Beginn an sehr überzeugend und ausdrucksklar hinein, wobei Kafkas Figuren jeweils von Kleingruppen besetzt sind. Klug (und von Catharina Maceba professionell) choreografiert bewegen sich diese im weiten Bühnenraum und bleiben dabei stets erkennbare und zumeist als Chöre sprechende Einheiten, in denen aber auch jeder und jede eigene Zeilen hat. Vater, Mutter und Grete Samsa sowie der Prokurist, den Gregors Arbeitgeber schickt, um ihn an seine beruflichen Pflichten zu erinnern, erscheinen also nicht als allzu individualisierte Protagonisten, sondern sind Jedermann und Jedefrau, in denen man Vertrautes zum Mitfühlen entdeckt: Die Zerrissenheit der Mutter (Julia Nußbaum, Paula Spengler und Lena Steinbrügge) zwischen enttäuschter Erwartung an und panischer Angst um den sich verlierenden Sohn, die hilflose Wut des Vaters (Deniz Altiner, Annan Azami, Justus Einig, Eva Marie Hack und Rebecca Lewalter), die sich letztlich im Verstoßen des Sohnes Bahn bricht; die Irritation des Prokuristen (Philipp Bobinski, Peter Busch, Raphael Chatzigeorgiou, Paul Dietzel), dem Gregors Ausbruch aus der Bahn beruflichen Erfolgs nicht einleuchten mag. Gregors kleiner Schwester Grete (Christina Schmehl, Marisa Tappert, Mayda-Anna Vayvalakian und Sofia Will) verlangt die Verwandlung ihres geliebten Bruders am meisten ab, und ihre anfängliche, rührende Fürsorge um den ‚kranken‘ Bruder weicht zunehmend Ekel vor der Kreatur, die diese Liebe nicht mehr erkennbar erwidern kann. „Weg muss es“, schließt sie letztendlich bitter, nachdem Gregor kriechend-krächzend ihren Versuch zunichte gemacht hat, verlorengegangene Familienidylle mit Schuberts wunderbar dahinperlendem „Ständchen“ (einstudiert von Alexandra Thomas) wieder herzustellen.


Für Gregor selbst erscheint seine neue Situation zunächst nicht per se als Alptraum. Verwirrt aber auch erkennbar neugierig setzt er sich mit ihr auseinander, zieht sich in sein Zimmer zurück, um sich zu finden und zu erkunden. Allerdings muss er bald entdecken, dass seine Verwandlung unumkehrbar und seine verzweifelten Versuche der Kontaktaufnahme mit der Familie nutzlos sind. Lorenz Baues, Clara Ellerkmann, Alpay Eryigit, Jana Gerschlauer, Pia Gerschlauer, Ben Seggewiss und Luisa Winterstein spielen diesen Prozess sehr eindringlich, mit zunehmend animalischerem, sehr verstörendem Gebaren und sich allmählich schwärzenden Gesichtern. Das geht mindestens so nah, wie sein erbärmliches Verrecken am Ende – allein in seinem Zimmerchen. Während das andere Leben – das gewohnte, gewöhnliche, vernünftige seinen Verlauf nimmt.


Am Ende der Verwandlung von Figur und Raum dürfen alle Spielerinnen und Spieler ihre Rollen auf der Bühne zurücklassen. Nehmen sie ihre eingangs proklamierten Jugendträume mit? Nun ja: Wer das Siegtor schieße sei nicht wichtig, der Sieg des Teams hingegen alles. Und: Vielleicht müsse es nicht gleich der Mond sein – eine Amerikareise wäre auch schon was. Die ganze Umwelt retten?! – Wohl ein bisschen viel; erst mal klein anfangen. Und Autoklauen – ist illegal, klar. So hat sich also dann kreativ-verrückt-hoch-hinaus-und-einmalig-sein-wollende Jugendlichkeit auf ein vernünftiges, der Erwachsenenwelt angepasstes Maß zurückverwandelt. Und das geht dem zumeist vernunftverhafteten Erwachsenen eigentlich noch näher. Darf es mehr nicht sein? Wollen wir das?


Alle Spielerinnen und Spieler wirken schauspielerisch sehr überzeugend und ausnehmend gut trainiert. Niemand fällt auch nur für eine Sekunde aus der Rolle, die chorischen Passagen sind klar und aus einem Guss und zeigen, wie wirkmächtig dieses klassisch-inszenatorische Mittel nach wie vor sein kann; die Übergabe der Passagen innerhalb der einzelnen Gruppen funktioniert präzise und flüssig – kurz und gut: Ein großes Ensemble macht klare Sache. Das spricht für Talent, Motivation und Disziplin des Casts, vor allem aber für eine höchste Ansprüche stellende und ihnen gerecht werdende Spielleitung (Timo Wilhelm) und Regie (Timo Wilhelm, Stefan Herrmann).


Im tosenden Abschlussapplaus füllt sich die Bühne dann auch mit denjenigen Mitgliedern des Literatur-Projektkurses, die zusammen mit Leiterin Kerstin Freitag jenseits der Bühne dazu beigetragen haben, die Spotlights-Jury davon zu überzeugen, „Die Verwandlung“ in die 10 in diesen Tagen auf Bonner Bühnen aufgeführten Top-Acts des Spotlights Wettbewerbs zu wählen, indem sie – zusammen mit der unermüdlichen EMA-Technik-AG – für passende Beschallung und Ausleuchtung sowie die bildnerische Gestaltung der Bühne, Maske und Kostüme und nicht zuletzt das mit Programmheft, Plakat und Flyer sehr ansprechend transportierte Marketing eines Projekts gesorgt haben, an dem einfach alles stimmte; auch, weil es letztlich in einem sehr wertschätzenden Rahmen gedeihen durfte, der ihm von der Jungen Theatergemeinde und dem Bonner Stadttheater/Team der Kammerspiele geboten wurde – wofür abschließend ein dickes Dankeschön seitens des EMA ergeht.


Ein wahrhaft großes Schauspiel hat der EMA-Literaturprojektkurs der Q1 also geboten. Es hätte den Bonner Kobold sicherlich verdient. Nachdem es ein begeistertes Publikum bereits gewonnen hat.

(Zur ersten Berichterstattung des Bonner Generalanzeigers geht´s hier.)

 

Jochen Stiewe

 

 

Verwandlung 2016 GregorVerrenkt

 

 Die Verwandlung Gregor Samsas in einer Welt unter Druck beginnt mit der allmählichen und schließlich kompletten Verformung zum Riesenkäfer.

 

Verwandlung 2016 MutterSamsa

 

Gregors Umwelt nimmt die Transformation fassungslos auf.

 

Verwandlung 2016 Gregorfrisst

 

Es kriecht, krächzt und frisst - Gregors Ausstieg ist pure Mutation.

 

Verwandlung 2016 Grete

 

Und während seine Familie immer mehr Abstand nimmt und ihr Leben weiter entwickelt, so wie Grete, die sich allmählich in eine junge Frau verwandelt...

 

Verwandlung 2016 GregorAmBoden

 

...degeneriert Gregor allmählich aus der Normalität des Alltags heraus - ohne Chance auf Anschluss.

 

Verwandlung 2016 Wilhelm

 

Hohe Ansprüche, Professionalität und sehr sehr viel Theaterblut: Spielleiter und Regisseur Timo Wilhelm (oben links) im Gespräch mit seinem Ensemble während der Generalprobe

 

Verwandlung 2016 Cast

 

Alle Mitwirkenden des Kafka-Projekts des Q1-Literatur- und Projektkurses Theater unter der Leitung von Timo Wilhelm und Kerstin Freitag, mit den Schülerinnen und Schülern der Technik-AG (nach der Generalprobe) in den Godesberger Kammerspielen

 

(Diese und noch mehr Fotos von: Christian Olejniczak)

Go to top